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Historie: Die Lagerhölle von Goli Otok
Gleißend flimmert die Hitze über dem baumlosen Gestein. Düster thront der Wachturm mit den leeren Fensterhöhlen auf dem Gipfel von Goli Otok - der "nackten Insel". Verrostete Bettgestelle türmen sich vor den verlassenen Schlafbaracken der Gefangeneninsel. Die letzten Bewohner des unwirtlichen Internierungslagers sind Schafe, die vor der sengenden Sonne in zerfallene Werkstätten, von Unkraut überwucherte Fabrikhallen und Kerkerzellen flüchten.
"Die Natur holt sich alles zurück", brummt Inselführer Ivan Peric, während er seine Schützlinge durch das verlassene Geistercamp vor der Küste der kroatischen Adria lotst.
25 Euro für die Gruselshow
Für umgerechnet 25 Euro setzt der Kroate seit zehn Jahren Touristen von der sieben Kilometer entfernten Ferieninsel Rab mit seiner Schallupe auf den kargen Inselfelsen über. Die Anwohner auf den umliegenden Inseln hätten von der Existenz der Strafkolonie gewusst, manche dort auch gearbeitet, berichtet er. Zu jugoslawischen Zeiten sei der Zugang zu dem 1988 geschlossenen Inselgefängnis jedoch "streng verboten" gewesen. Jugoslawiens autokratisch regierender Landesvater Josip Broz Tito ließ politische Gegner in das im Juli 1949 eröffnete Internierungslager verbannen. Zwischen 12 000 und 50 000 Dissidenten wurden Schätzungen zufolge in dem Insellager isoliert, misshandelt und zu nutzloser Schwerstarbeit gezwungen.
Hölle der Adria
Tito ließ in der "Hölle der Adria" zunächst
frühere Genossen schmoren. Ohne Prozess wurden nach dem Bruch mit der
Sowjetunion 1948 Tausende von
Stalinisten nach Goli Otok deportiert.
Die Insel sei Titos KZ und Straflager gewesen, sagt der Zagreber
Historiker Goran Juricic, Vorsitzender des Kroatischen Zentrums zur
Untersuchung kommunistischer Verbrechen. Meist seien es die
kommunistischen Ortsverbände gewesen, die nach Gutdünken verdächtige
Genossen deportieren und misshandeln ließen.
Der 78-jährige Branko Mitrovic wird noch immer von Albträumen geplagt,
schreckt schreiend aus dem Schlaf auf. Sein Martyrium auf Goli Otok sei
die schwerste Zeit seines Lebens gewesen, berichtet der pensionierte
Frauenarzt in Serbiens Hauptstadt Belgrad. Als 19-jähriger Gymnasiast
war er im November 1949 verhaftet worden. Mit Mitschülern hatte er
damals Flugblätter verteilt, die die Abkehr von der Sowjetunion
kritisierten.
Monatelang wurde er in Einzelhaft gehalten und bei endlosen Verhören
nach seinen vermeintlichen Hintermännern blutig geprügelt. Im Mai 1950
wurde er mit weiteren Leidensgenossen vor eine dreiköpfige Kommission
zitiert, die ihm mitteilte, dass er zu zwei Jahren Arbeitslager
verurteilt worden sei - kein Gericht, kein Prozess. "Ich durfte nur
mein Urteil unterschreiben - ohne eine Kopie zu erhalten."
Der Schüler wurde, aneinandergekettet an andere Deportierte, in der
Nacht aus einem Bahnwaggon über eine Rampe in einen offenen Seefrachter
geprügelt.
Zustände wie im KZ
Auf Goli Otok mussten sie durch ein 500 Meter langes Spalier
aufgereihter Lagerinsassen rennen: "Sie schlugen auf uns ein wie von
Sinnen." Hitze, Wassermangel, Epidemien und die Prügelexzesse der
Wächter setzten dem
zum Steineklopfen abkommandierten Häftling im
"Alcatraz der Adria" sehr zu. Eine Rehabilitierung nach seiner
Entlassung im Sommer 1951 habe es nie gegeben, sagt Mitrovic heute
verbittert. "Was der Gulag für Stalin war, war Goli Otok für Tito."
Nach der Wiederannäherung zwischen Belgrad und Moskau Mitte der
50er-Jahre kamen die letzten prosowjetischen Dissidenten frei. Doch
fortan wurden nicht nur Kriminelle, sondern Regimekritiker jeder
Couleur nach Goli Otok verbannt. Nach Titos Tod 1980 sammelte der
damals 19-jährige Zagreber Jurastudent Dobrislav Paraga gemeinsam mit
seinem Freund Ernest Brajder Unterschriften für eine Amnestie der
politischen Gefangenen. Doch wenige Tage nachdem die beiden Aktivisten
ihre Liste an die Regierung in Belgrad und die KSZE in Wien geschickt
hatten, wurden sie verhaftet. Brajder starb während des Verhörs durch
den jugoslawischen Geheimdienst, Paraga wurden unter Folter die Beine
gebrochen. Selbst nach der Unabhängigkeit Kroatiens 1991 sei es nie zu
einer Rehabilitierung der politischen Gefangenen gekommen.
"Die Strukturen, die die Insel schufen, leben in Kroatien noch immer
fort", meint Paraga. "Am liebsten ist den Politikern in Zagreb, dass
alles zerfällt, die Spuren verschwinden."
Mit freundlicher Genehmigung von Welt-Online
Photos: Kroatische Tourismuszentrale
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