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Startseite Magazin Magazin Otto von Habsburg:?Ich war nie ein Nostalgiker?

Otto von Habsburg:?Ich war nie ein Nostalgiker?

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250px-otto_habsburg_001.jpgBei einem anderem Verlauf der Geschichte säße er auf dem Kaiserthron. Darüber denkt Otto Habsburg nicht nach. Aber viel über Europa und die Welt. Otto Habsburg feiert am 20. November seinen 95. Geburtstag. Der Sohn des letzten österreichischen Kaisers ist überzeugter Europäer. Als solcher war er 20 Jahre lang als EU-Parlamentarier tätig. Aus diesem Anlass bringen wir hier ein Interview mit dem überzeugten Europäer, das wir mit freundlicher Genehmigung von den Salzburger Nachrichten übernommen haben.

 

 

 

SN: Angenommen, Sie wären Kaiser von Europa für einen Tag...

 

Habsburg: Um Gottes Willen! SN: Angenommen, Sie wären es: Was würden Sie tun? Habsburg: Ich würde absolut die Erweiterung der EU vorantreiben.

SN: Was gehört aus Ihrer Sicht noch zum vereinten Europa?

 

Habsburg: Auf jeden Fall gehört Kroatien dazu. Es ist ein Skandal, wie die europäische Gemeinschaft mit Kroatien umgeht. Zweitens würde ich mich absolut um die Ukraine kümmern. Wir müssen uns klar darüber sein, dass die Sicherheit der Ukraine gefährdet ist.

 

SN: Worin sehen Sie den Skandal im Umgang der EU mit Kroatien?

 

Habsburg: Die Kroaten haben die größten Anstrengungen unternommen, um an Europa teilzunehmen. Das waren wesentlich größere Anstrengungen als von Rumänien und Bulgarien, die beitreten konnten. „Ich kenne große Männer des Koran, die wie Besenbinder trinken“

 

SN: Aber Kroatien hat den als Kriegsverbrecher verdächtigten General Ante Gotovina lange nicht an das internationale Tribunal in Den Haag ausgeliefert.

 

Habsburg: Pardon: Gotovina war doch die ganze Zeit in Händen der Union. Schauen Sie, wo er verhaftet wurde – auf Teneriffa. Die Chefanklägerin Carla del Ponte ist juristisch eine fragwürdige Person und hat eine einseitige Freundschaft zu einer Seite der ehemaligen Kriegsparteien. Ich kenne die kroatische Regierung. Für mich sind das absolute Ehrenleute. Sie haben mir versichert, dass sie keine Ahnung hatten, wo der Mann war.

 

SN: Was gehört neben Kroatien und der Ukraine noch zur EU?

 

Habsburg: Alles, was an unseren EU-Grenzen im Süd-Osten liegt. Bis auf die Türkei. Ich liebe die Türkei und schätze die Türken sehr. Aber ich bin nicht dafür, dass sie Mitglieder der Union werden. Die Türkei hat eine andere Aufgabe. Sie hat eine vergleichbare Rolle für die islamische Welt, wie sie Österreich auf Grund seiner Geschichte gegenüber den Ländern Mitteleuropas hatte und hat.

 

SN: Sie sehen für die Türkei als eine Leuchtturmrolle für die islamische Welt?

 

Habsburg: Die Türkei ist ein Ideal, auch deshalb, weil sie einen sehr humanen Islam repräsentiert – übrigens auch bezüglich alkoholischer Getränke. Dass es der Koran verbietet, Alkohol zu trinken, ist ja falsch. Wenn man den Koran richtig liest, so weiß man, dass der Gläubige nicht trinken soll, bevor er betet. Daraufhin haben die Pharisäer – und das ist ein Generalbegriff in allen Religionen – gesagt: ,Nachdem der Muslim ständig beten muss, darf er niemals Alkohol trinken.’ Ich kenne einige große Männer des Koran, die wie Besenbinder trinken.

 

SN: Wie groß schätzen Sie die Gefahr ein, die vom islamistischen Terror für Europa und die Welt ausgeht?

 

Habsburg: Im Kampf gegen den Terrorismus sind mehr Muslime gefallen als Europäer oder andere Menschen aus dem Westen. Vor allem in Pakistan gab es sehr viele Opfer. Ich halte die Angst vor dem Terror für sehr übertrieben. Ich trete stark für den Dialog und die Freundschaft mit dem Islam ein. Ich halte die Angst vor Islam für einen Vorwand, um die Türken aus der Europäischen Union draußen zu halten. Das ist aber kein Argument. Ich bin aus ganz anderen Gründen, eben nicht aus religiösen, gegen einen Beitritt der Türkei. Denn wir brauchen die Türkei in einer anderen Rolle für den Frieden in der Welt.

 

SN: Die Regierung Bush hat die Europäer aufgerufen zum gemeinsamen Kampf gegen den Terrorismus. Wie soll sich die EU verhalten?

 

Habsburg: Ich war nie dafür, dass man dauernd an einem Freund herumnörgelt, der einem so viel geholfen hat. Wir Europäer müssen mit den USA wieder zu einem Verhältnis kommen, in dem man vernünftig miteinander reden kann.

 

SN: Wie wird das Europa ihrer Enkelkinder aussehen?

 

Habsburg: Es wird erstens ein Europa sein, das wirklich geeinigt ist. Man kann es nicht mehr auseinanderdividieren. Die Menschen werden sich die Errungenschaften auch nicht mehr wegnehmen lassen. Und zweitens werden wir darüber hinaus eine mediterrane Gemeinschaft bekommen, in der wir mit der angrenzenden islamischen Welt zusammenarbeiten. Das Mittelmeer ist ja unser Zentrum. Diese Staaten werden nicht in unsere Gemeinschaft hineinkommen. Aber wir werden mit ihnen eine Zusammenarbeit sui generis haben.

 

SN: Wird das Europa der Enkel ein Bundesstaat sein?

 

Habsburg: Nein. Weil der Bundesstaat zu viel Zentralismus bringt.

 

SN: Sie selbst waren viele Jahre Emigrant.Ist es fair, wie wir mit Menschen umgehen, die aus den Balkanländern zu uns kommen wollen, weil sie bei uns eine Zukunft sehen?

 

Habsburg: Nein, ich bin darüber nicht begeistert, bei Gott nicht. Aber Österreich ist noch immer liberaler als andere Staaten.

 

SN: Menschen aus Bosnien-Herzegowina oder dem Kosovo dürfen nicht einfach zu uns kommen. Soll es eine europäische Green Card geben?

 

Habsburg: Ich würde noch viel mehr Freizügigkeit erlauben. Wir brauchen diese Leute. Ich möchte an ein altes Plakat erinnern, auf dem ein kleiner Bub zu einem Arbeiter aufschaut und fragt: ,Ich heiße Kolaric, du heißt Kolaric. Warum sagen wir Tschusch zu dir?’ Das ist der Geist, den wir wieder brauchen. Für mich ist ein Bosniak genauso ein Landsmann wie jemand aus Österreich.

 

SN: Im letzten Wahlkampf in Österreich gab es auch ein Plakat. Darauf stand: ,Daham statt Islam’.

 

Habsburg: Es wird immer so sein, dass der, der das Falsche sagt, die größte Publizität bekommt. Das muss man überleben können. Der Nationalismus ist eine falsche Doktrin. Man kann auch sagen: Der Nationalismus führt zur Verblödung.

 

SN: Nationalismus und totalitäre Ideologie haben zwei Weltkriege ausgelöst. Was Gefahr könnte im 21. Jahrhundert zum Weltkrieg führen?

 

Habsburg: Für uns direkt sehe ich die größte Gefahr im Willen Russlands, sich auszudehnen. Russland ist das letzte Kolonialreich. Die Putin-Diktatur ist auf diesem Gebiet eine große, internationale Gefahr.

 

SN: Sie leben in Bayern. Haben Sie nie daran gedacht, nach Österreich zurückzukommen, nachdem Ihnen die Einreise wieder erlaubt war?

 

Habsburg: Ich reise oft nach Österreich. Ich liebe Österreich. Aber für mich ist Österreich etwas größeres.

 

SN: Wie empfinden Sie es, wenn Sie durch die Hofburg oder Schloss Schönbrunn gehen? Kindheitserinnerung oder ein Museumsbesuch?

 

Habsburg: Ich bin kein Nostalgiker! Wenn man mich fragt, wie ich es zu Stande gebracht habe, so lange zu leben, muss ich sagen: Es ist deshalb, weil ich nie nach rückwärts geschaut habe. Ich schaue immer nach vorwärts.

 

SN: Dann haben Sie auch nie einen Gedanken daran verschwendet, dass Sie bei einem anderen Verlauf der Geschichte jetzt vielleicht Ihr 85-jähriges Thronjubiläum feiern könnten?

 

Habsburg (lacht): Das bestimmt nicht, nein!

 

 

SYLVIA WÖRGETTER/Salzburger Nachrichten

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