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Kroatien-Vatikan: Streit um´s Schloss

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dajla1Die Bucht von Dajla, etwa fünf Kilometer nördlich der istrischen Küstenstadt Novigrad (Cittanova), ist eine der schönsten der nördlichen Adria. Meer und mediterrane Vegetation umsäumen die Kirche des Heiligen Johannes des Täufers, das Schloss von Dajla und die Gebäude des ehemaligen Benediktiner-Klosters. Dahinter erstreckt sich eine Kulturlandschaft, an deren einstige wirtschaftliche Bedeutung halb verfallene Bewässerungsanlagen, Wassertürme und Getreidespeicher erinnern. Dieser Ort der Stille steht im Mittelpunkt eines wunderlichen Streites zwischen italienischen Benediktinern und der Diözese Pore-Pula, der sich zu einer ernsten Krise zwischen dem Vatikan und dem kroatischen Staat ausgewachsen hat.

Konflikte zwischen postkommunistischen Staaten und dem Vatikan um Eigentumsfragen gehören zum ost- und südosteuropäischen Alltag. Aber der jetzt im urkatholischen Kroatien um Dajla entbrannte Streit unterscheidet sich von dem üblichen Schema. In ihm stehen einander nicht einfach ein Staat sowie die katholische Kirche und der Vatikan gegenüber; er begann vielmehr als innerkatholischer Streit und nahm erst nationalistische Konturen als, Ivan Milovan, der Bischof der Diözese Pore-Pula, den Staat gegen Papst zu Hilfe rief. Ministerpräsidentin Jadranka Kosor und Präsident Ivo Josipovi stellten sich ohne Zögern auf die Seite des rebellischen Bischofs.

Vorwurf: Vatikan agiert mit Revisionismus
Plötzlich sah sich der Vatikan mit dem Vorwurf konfrontiert, die Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges revidieren und den 1975 zwischen dem kommunistischen Jugoslawien und Italien unterzeichneten Vertrag von Osimo umgehen zu wollen. Dieser Vertrag sah unter anderem vor, dass die vor dem kommunistischen Terror geflüchteten Italiener vom italienischen Staat entschädigt werden. Benedikt XVI. wird gerade noch konzediert, dass er von seinen Mitarbeitern nicht ausreichend über die Rechtslage informiert worden sei.

Die Geschichte beginnt mit dem tragischen Tod des Sohnes des Grafen Francesco Grisoni, der 1835 bei einem Duell ums Leben kam. In tiefer Trauer vermachte der Graf die Hälfte seines Eigentums – darunter sein Schloss, die Nebengebäude und die dazugehörigen 586 Hektar Felder, Obst-, Wein- und Olivengärten – den Benediktinern der Abtei Santa Maria di Praglia bei Padua, die nach dem Tod der Witwe des Grafen 1860 in Dajla ein Kloster errichteten. Dem testamentarischen Wunsch entsprechend richteten sie im Schloss eine Schule ein, in dem die Kinder der Bauern kostenlos unterrichtet und verpflegt wurden. Die gräfliche Landwirtschaft verwandelte sich unter der Leitung von zehn Benediktinermönchen zu einem modernen Musterbetrieb, der rund 50 Bauernfamilien ernährte. Die Einkünfte wurden teils reinvestiert, teils der Armen- und Krankenhilfe zugeführt.

Das Mustergut wurde im Kommunismus ruiniert
Das monastische Idyll endete im September 1943, als zunächst die Partisanen, dann die Deutschen das Kloster besetzten. Ende April 1945 weiteten die Partisanen ihren Terror auf ganz Istrien aus und das Martyrium der Benediktiner begann. Das Kloster wurde geplündert, Vieh, Getreidevorräte und landwirtschaftliche Maschinen wurden abtransportiert. Mit Hilfe von Titos Geheimdienst OZNA wurden Anschuldigungen gegen die Mönche fabriziert, die in einem Schauprozess gegen sie verwendet wurden. Er endete am 5. März 1948 mit harten Urteilen wegen Schmuggels, Sabotage und Spionage sowie mit der Konfiskation des gesamten beweglichen und unbeweglichen Eigentums. Das Mustergut wurde kommunistischer Verwaltung unterstellt, die es in kurzer Zeit ruinierte. Im Schloss wurde ein Altersheim untergebracht, in dem so katastrophale Zustände herrschten, dass sich in den achtziger Jahren sogar die kommunistische Presse zur Kritik veranlasst sah.
Die überlebenden Mönche fanden Zuflucht in ihrem Stammkloster Praglia, wo eine kleine Kapelle an ihr Martyrium erinnert. 1975 ernannten sie den damaligen Pfarrer von Novigrad und Dajla, Boo Jelovac, zu ihrem Prokurator und Rechtsnachfolger. 1996 wurden die Klostergebäude der Pfarre Dajla als Rechtsnachfolgerin der Benediktiner zurückgegeben, dazu 30 Hektar Land. Die 1948 gefällten Urteile gegen die mittlerweile verstorbenen Mönche wurden aufgehoben.

Papst Benedikt enthebt Bischof seines Amtes
Zunächst blieben Schloss und Nebengebäude dem Verfall überlassen. Die istrische Küste, und besonders dieser Abschnitt, ist jedoch ein Objekt der Begierde des kroatischen Dajla5Fremdenverkehrs. Einem behördlich bereits abgesegneten Plan zufolge sollen hier ein Golfplatz sowie Bungalows und Hotels für 520 Gäste entstehen. 1999 begann die Diözese damit, Teile des Geländes zu verkaufen. Daraufhin legten die Benediktiner von Praglia Beschwerde ein und verlangten eine Entschädigung, die von kroatischen Gerichten abgelehnt wurde. Der Vatikan richtete eine Schiedskommission aus drei Kardinälen ein, der auch der kroatische Kardinal Josip Bozani angehörte. Sie gab den Benediktinern Recht und sprach ihnen die Rückgabe des noch nicht veräußerten Besitzes sowie sechs Millionen Euro an Entschädigung und Gerichtskosten zu. Sollte keine Naturalrestitution erfolgen, hätten die Benediktiner von Praglia Anspruch auf 25 Millionen Euro.
Obwohl Kardinal Bozani diese kirchenrechtlich einwandfreie Lösung mittrug, weigerte sich Bischof Milovan den Vertrag zu unterzeichnen, woraufhin ihn Papst Benedikt XVI. für einen Tag seines Amtes enthob und die Diözese kommissarisch dem spanischen Bischof Santos Abrilla y Castella übergab – mit dem einzigen Auftrag, seine Unterschrift unter den Vertrag zu setzen. Dies wiederum war der Anlass zu einer präzedenzlosen Rebellion. Statt sich zu fügen, zeigte Bischof Milovan den Vorfall, der seiner Auffassung nach dem kroatischen Recht widerspricht, bei der kroatischen Staatsanwaltschaft an. Die Staatsanwaltschaft hat die Möglichkeit, die zwischen den Benediktinern und dem spanischen Bischof getroffene Vereinbarung einzufrieren und jeden darauf beruhenden Rechtsakt zu suspendieren.

Kroatische Bischofskonferenz uneins
Der Konflikt entzweit die katholische Bischofskonferenz, die sich bisher zu keiner gemeinsamen Stellungnahme durchringen konnte. Kardinal Bozani, der Erzbischof von Zagreb, hat sich bisher nicht öffentlich zu der Kontroverse geäußert. In der Bischofskonferenz dürften die Gegner der vatikanischen Entscheidung in der Mehrheit sein. Ungewöhnlich scharfe Kritik am vatikanischen Vorgehen übten der Generalvikar der Diözese Split-Makarska, Ivan ubeli sowie der Bischof von Gospi, Mile Bogovi. Der Papst sei schlecht informiert, sagte ubeli, das Kirchenrecht könne nicht kroatisches Recht aushebeln: „Alle Bischöfe, und wir alle in Kroatien, unterstützen Bischof Milovan“.
Bogovi warnte davor, dass das hohe Ansehen des Papstes bei den Kroaten Schaden nehmen könnte. Ilija Jakovljevi, Kanzler des Bischofs von Porec und von ihm mit der Pfarre Dajla betraut, wirft dem Papst vor, mit seiner Entscheidung die Souveränität eines Staates verletzt zu haben. Jakovljevi übte auch Kritik an Kardinal Bozani, der ungeachtet der durch den Vertrag von Osimo gegebenen Rechtslage die Empfehlung der Schiedskommission unterschrieben habe. Zwischen Zagreb und Rom divergieren die Meinungen darüber, ob dieser Vertrag nach der Auflösung Jugoslawiens seine Gültigkeit behalten habe und ob alle Eigentumsfragen zwischen Kroatien und Italien damit gelöst seien.

Ministerpräsidentin Kosor kündigt Brief an Papst an
Angesichts der nationalistischen Aufwallungen im hohen Klerus ist es kein Wunder, dass die politischen Reaktionen noch wesentlich schärfer ausfallen. Präsident Josipovi dajla3sagte, dass keine wie auch immer geartete rechtliche Lösung den Vertrag von Osimo außer Kraft setzen könne. Es müsse überprüft werden, ob die Eigentumsübertragung an die katholische Kirche überhaupt mit den kroatischen Restitutionsgesetzen vereinbar gewesen sei. Falls sich ergeben sollte, dass der Boden, auf dem das ehemalige Kloster steht, ohnehin noch Staatseigentum sei, werde sich mit der kroatischen Kirche eine befriedigende Lösung finden lassen. Vieles deutet darauf hin, dass man in Zagreb einen solchen Ausweg anstrebt. Es wäre nicht das erste Mal, dass bereits zurückgegebenes oder privatisiertes Eigentum wieder verstaatlicht wird.
Ministerpräsidentin Kosor, eine praktizierende Katholikin, kündigte an, sie werde den Papst in einem Brief bitten, sich für die Lösung dieses Konfliktes einzusetzen. In einem weiteren Brief an Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone wolle sie dem Vatikan alle für den Fall maßgeblichen rechtlichen Informationen zur Verfügung stellen. Außenminister Gordan Jandrokovi wurde in Bewegung gesetzt, um sich mit dem Nuntius auszusprechen, der kroatische Botschafter beim Heiligen Stuhl wurde aus dem Urlaub abberufen. Der frühere kroatische Präsident Stjepan Mesi bezeichnete das Vorgehen des Vatikans als „subtilen Versuch, das Abkommen von Osimo zu revidieren“. Es werde versucht, „politische Ansprüche hinter dem Talar zu verbergen“. Gerade im Vorfeld des EU-Beitritts müsse Kroatien ganz besonders auf die Wahrung seiner nationalen Interessen Bedacht nehmen.




Text:  Mit freundlicher Genehmigung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung/ Bilder: AN/Privat

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