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Italien: Im Winter ist Rimini die Ruhe selbst

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rimini_6Im Sommer ist der "Teutonengrill" an der Adria total überlaufen. Jetzt herrscht noch eine gemütliche Stille, die nicht nur die Einheimischen zu schätzen wissen.
Wie jeden Morgen verlässt Ferruccio Farina, Direktor des weltweit einzigen Online-Museums zum Thema Badetourismus, um 7 Uhr das Haus. In der Bar an der Ecke trinkt er einen Espresso, dann geht er durch die stillen Alleen zum Meer. Was jetzt kommt, hat ihm der Arzt empfohlen: 40 Minuten läuft Farina in zügigem Tempo am Strand entlang. 20 Minuten nach Südosten und 20 Minuten zurück. Jeden Tag, bei jedem Wetter. Farina liebt diese Kur. Heute ist es mit einem Grad Celsius über null recht frisch, und eine dünne Brise bläst von der Adria her über den Sand.
Strand und Meer, das sind Farinas Themen. Zehntausend Exponate hat er seit den 90er-Jahren für sein Museum "Balnea“ aufgetrieben und sie in sein virtuelles Museum gestellt. Fotos von Badeszenen aus dem vorletzten Jahrhundert, Rimini-Werbeplakate aus den 20er-Jahren, Gemälde badender Nymphen – es sind fast ausschließlich Sommermotive. Doch als am Horizont die Sonne aus ihrem Bett aus Frühnebel steigt und einen mattrosa Schimmer über das Meer schickt, holt der frühere Bankmanager sein Fotohandy heraus und drückt ab. "Im Winter ist der Strand von Rimini am schönsten“, sagt er.

Eine Liebe, mit der Farina nicht allein dasteht. Die meisten Riminesen teilen sie. Nur Fremde denken beim Strand von Rimini ausschließlich an die warme Jahreszeit. Denken an 250 Badeanstalten, "bagnos“ genannt, auf 15 Kilometer Strandlänge, an 30.000 Sonnenschirme und 75.000 Liegestühle, dicht an dicht. In Deutschland, das bis heute mit 500.000 Gästen pro Jahr die meisten ausländischen Besucher stellt, ist Rimini über Jahrzehnte hinweg Inbegriff des "Teutonengrills“ gewesen.

Zum Frühstück vor deckenhohen Glasfenstern finden sich italienische Liebespaare ein, britische Pensionäre und Japaner mit Rollköfferchen. Die Japaner brechen später zur Sigep auf, der internationalen Eiscreme-Messe. Die Briten gehen an den Strand, der jetzt etwas belebter ist als zu Farinas morgendlicher Wanderstunde. Jogger sind unterwegs, Frauen mit Hunden, Muschelsucher in hüfthohen Gummistiefeln. Von Osten her rollt das Meer heran, kein langweiliger, blauer Sommerspiegel jetzt, sondern in ernsthaften Wellen, grau und schaumgekrönt. Leichtes Donnern erfüllt die salzige Luft. Wo man im Sommer vor lauter Schirmen das Meer nicht sieht, ist jetzt Platz für Freiheit, Wanderungen, Glücksgefühle. Wer Strandspaziergänge liebt, wird in Rimini nichts anderes brauchen. Und deshalb womöglich viel verpassen. Denn das eigentliche Rimini, die Altstadt, liegt hinter der von Hotels gesäumten Uferstraße, hinter den Wohnvierteln mit den eleganten Sommervillen und hinter der Bahnlinie. Viele Sommergäste setzten nie einen Fuß in das "centro storico“, sagt Lydia Zoffoli vom Fremdenverkehrsamt der Emilia-Romagna. Auch an diesem Februarsonntag gehört die Stadt den Riminesen. In Pelzen und Moncler-Anoraks flanieren sie durch das vom Autoverkehr befreite Zentrum, trinken heiße Schokolade in der "Bar Cavour“ und besehen sich die Auslagen der Geschäfte. Der klassische Spaziergang führt vom prächtigen Augustus-Triumphbogen im Westen der Stadt bis zur ebenfalls römischen Tiberiusbrücke im Westen, die sich in fünf steinernen Bögen über das Flüsschen Marecchia wölbt. Das "archäologische Risiko“, wie Stadtführerin Monia Magalotti die Möglichkeit nennt, bei Erdarbeiten auf antike Hinterlassenschaften zu treffen, ist immer noch groß.

Vor der neuen Gelateria "Scintilla“ am Corso d'Augusto hat sich eine Schlange gebildet. Im Winter gewähren Riminis Eisdielen Rabatte; und das Pistazieneis von "Scintilla“, für das nur Früchte aus dem sizilianischen Bronte verwendet werden, schmeckt auch bei Minustemperaturen. Außerdem schmilzt es nicht so schnell; zwei Kugeln reichen lässig als Wegzehrung für den Spaziergang von der Kirche Tempio Malatestiano bis zum Castel Sismondo. Beide Bauten hat Sigismondo Malatesta errichten lassen, ein ruhm- und streitsüchtiger Renaissancefürst, dessen Familie das Schicksal Riminis zwischen dem 14. und dem 16. Jahrhundert bestimmte. Für den Bau des Tempio wurde der Herrscher exkommuniziert. Denn der Papst fand es unerträglich, wie sich Sigismondo selbst inszenierte, während der Heilige Vater an den künstlerischen Rand gedrängt wurde. Vergleichsweise schmucklos präsentiert sich dagegen Sigismondos Schloss am Altstadtrand, was aber vielleicht nur daran liegt, dass es nicht möbliert ist. Noch bis zum 27. März läuft die Ausstellung "Parigi – Gli Anni meravigliosi“, in der die klassizistische Malerei des Pariser Salons den zeitgleichen Arbeiten der jungen Impressionisten gegenübergestellt wird. So sind Cézannes zu sehen, frühe Gauguins und Monets.

In Rimini gibt es viel stimmungsvollen Nebel, aber wenig Schnee. 30 Kilometer weiter landeinwärts, im Apenninen-Bergstädtchen Pennabilli, herrscht dagegen ein Winter, wie man ihn nur aus der Österreich-Werbung kennt: meterhohe Schneewehen auf den Dächern mittelalterlicher Palazzi, vereiste Gassen, bis über die Antennen zugeschneite Autos. Vom großen Kruzifix auf dem Felsgipfel über dem Dorf zieht sich eine einsame, wilde Skispur dem Tal entgegen. Und natürlich stehen auch die Obstbäume im "orto dei frutti dimenticati“, dem Garten der vergessenen Früchte, bis zu den Knien in der weißen Pracht. Der Garten ist ein Werk von Pennabillis berühmtestem Bürger, Tonino Guerra. Er wurde als Drehbuchautor von Fellini berühmt, für den er unter anderem "Schiff der Träume“ und "Ginger und Fred“ schrieb; er verfasste aber auch Gedichte in romagnolischem Dialekt, malte Bilder, schreinerte Möbel und baute Öfen. Der Garten, in dem er alte, fast vergessene Obstsorten wie die Aprikosenart Biricoccolo anbaute, ist nur eine seiner poetischen Installationen, die Pennabilli zum spannendsten Ausflugsziel im Hinterland von Rimini machen. Auch die "Straße der Sonnenuhren“, der "Engel mit dem Schnurrbart“ und der "Tempel der Gedanken“ gehören dazu – und natürlich Guerras Museum. Der 90-Jährige lebt zusammen mit seiner Frau nur wenige Schritte vom Museum entfernt. Gästen erzählt er gern, dass das Hinterland der Küste ihn inspiriere und Erinnerungen an seine Kindheit wachrufe. "Auch Rimini hat im Winter einen großen Zauber“, sagt er und setzt hinzu: "Im Winter ist das Meer dort am allerschönsten.“


Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion Welt-Online

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