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Buch aktuell: Interview zum „Kleinstadtkrimi rund um das Rathaus“ mit Hartmut Urban
Redaktion: Herr Urban, Sie haben sich aus Deutschland ins ferne Asien zurückgezogen, weil Ihnen unser Land nicht mehr „passte“?
Urban: „Nicht mehr passte“ ist ein gutes Bild. In der Tat, das Land ist zwar nach dem Mauerfall größer geworden, aber das Denken und Spielräume sind in Großdeutschland paradoxerweise enger geworden. Der Kleingeist bestimmt den Alltag und ein ungeahnter Überwachungsstaat hat Einzug gehalten, gegen den inzwischen sogar Orwells „1984“ wie ein romantisches Kinderbüchlein wirkt.
Redaktion: Sehen Sie schwarz?
Urban: Danke für das Stichwort: Selbst die Spitzenpolitiker der CDU verlassen reihenweise das sinkende Schiff. Spiegel-online spricht von der „Null-Bock-“ und „Null-Erfolg-CDU“. Der CDU sind in nur einem Jahr sechs Länderchefs und ein Bundespräsident verloren gegangen. Bisher haben 7 Lotsen das Schiff verlassen! Nun soll auch noch DFB-Boss Zwanziger „amtsmüde“ sein. Ist das kein Signal? Das deutsche Staatsschiff dümpelt richtungslos in schweren Wassern. Die Mannschaft streitet sich wie die Kesselflicker. Keiner übernimmt Verantwortung für das Gemeinwohl.
Redaktion: Und deshalb sind Sie nach Asien gegangen.
Urban: Ich bin nicht allein. Hunderttausende der Besten, Ärzte, Lehrer, Wissenschaftler, Handwerker, verlassen jedes Jahr Deutschland. Nun, in Vietnam beispielsweise herrscht eine Aufbruchsstimmung, die es vielleicht in den „Gründerjahren“ oder den „Goldenen Zwanzigern“ bei uns gegeben haben mag. Das ist spannend bei der Gestaltung der Zukunft unserer kleinen Welt im Zentrum des Geschehens dabei zu sein.
Redaktion: Und als Abschiedsgeschenk haben Sie uns Ihren „Krimi rund ums Rathaus“ zur deutschen Kommunalpolitik mit Intrigen, Betrug und sogar dem vermeintlich „perfekten Mord unter Augenzeugen“ hinterlassen? Hat hier David Copperfield Regie geführt oder wie ist das mit dem „perfekten Mord unter Augenzeugen“ zu verstehen?
Urban: Hier gibt es keine Zaubertricks, keine Magie, nur kühler Menschenverstand, Logik und das intime Wissen um die Gentechnologie. Und schon steht der Staatsanwalt in unserem so viel gepriesenen Rechtsstaat ohne jede Aussicht auf Erfolg da.
Redaktion: Das macht neugierig! Und Ihr Buch ist tatsächlich im Internet kostenfrei zu lesen?
Urban: Ja klar, hier geht´s zum Buch
Und das Beste kommt noch, Sie werden nach der Lektüre erst so richtig neugierig werden, denn es ist erst einmal nur der erste Teil einer Trilogie. Die Spannung wird steigen, das verspreche ich Ihnen. Noch haben die Akteure im Kleinstadt-Krimi ihr Pulver nicht verschossen! Das Unerwartete wird eintreten, das Unerhörte aufgedeckt werden, das schier Unmögliche Wirklichkeit werden.
Redaktion: Sie verstehen es, Spannung zu erzeugen und Interesse zu wecken. Hut ab!
Urban: Nun, ich hatte schon immer vor, eines Tages Bücher zu schreiben. Seit Ende der siebziger Jahre habe ich mich journalistisch in ein politisch-ökonomisches System eingebracht und tatsächlich ein wenig daran geglaubt, dass, was ich recherchiere und investigativ schreibe würde am Ende des Tages irgend einen Sinn machen, würde die Menschen aufrütteln, ihnen eine Richtung zeigen. Ich war tatsächlich über Jahrzehnte in diesem Irrglauben, obwohl bereits Kurt Tucholsky seinerzeit desillusioniert festgestellt hatte: „Ich habe Erfolg, aber keine Wirkung!“
Redaktion: Deshalb schreiben Sie jetzt aus der Ferne kommunalpolitisches L’art pour l’art?
Urban: L’art pour l’art würde ich das nicht nennen. Es ist Gegenwartsliteratur mit einem gewissen Anspruch. Ich habe eine neue Form der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Gegenstand selbst, dem interessierten Leser und mit mir selbst gefunden. Die Internet-Plattform im literarischen Zirkel eröffnet Möglichkeiten, die Autoren bisher so nicht hatten.
Redaktion: Was meinen Sie damit genau?
Urban: Nun ja, ich habe mein erstes Buch, „Der Falschspieler oder das doppelte Paulchen“, ein Schauspiel rund um Zwillinge in der Kommunalpolitik probeweise ins Internet gestellt und siehe da, es entsteht ein reger Leser-Autor-Austausch, das Stück wird beinahe jeden Tag ergänzt, gekürzt, verbessert, umgestellt, kurz: vervollkommnet. Diese Möglichkeit hatten die einsamen Autoren, die in ihrem stillen Kämmerlein die Schreibmaschine malträtierten und dann irgendwann ihr Druckwerk auf den Markt gebracht haben, bisher nicht.
Redaktion: Und wie ist die Resonanz?
Urban: Seit dem 14. Juni 2010 ist das Buch online kostenfrei zu lesen oder, wer es wünscht, kann es zu Hause sich gerne auszudrucken. Es sind gegenwärtig überschaubare 21 Seiten im Format DIN A 4. Die bisherige Erfahrung lehrt: Pro Woche gibt es über 1.000 Zugriffe und die diversen Reaktionen lassen vermuten, dass die meisten davon wohl interessierte Leser sind. Unter www.sellfkant-online.de ist eine kleine Buchbesprechung unter dem Titel: Krimi rund ums Rathaus schon seit Anfang Juli TOP 1 unter der Rubrik: „meist gelesen“. Und nun kommt das wirklich Neue: Viele Leser schauen offensichtlich immer mal wieder herein, um mitzuverfolgen, wie sich das Buch weiter entwickelt. Sie wollen teilhaben am Entstehungsprozess, sich eingebunden fühlen, möchten Tipps geben und Fragen stellen.
Redaktion: Eine Art modernes „Experimentiertheater“ im Internet?
Urban: So könnte man das nennen. Und was das besondere am Dialog mit dem Leser ist, man kann sich auf der Welt zurückziehen, wohin man will, dem Laptop auf dem Schoß, die Füße im Südchinesischen Ozean, das eisgekühlte leckere Saigoner Bier neben sich und ist doch 24 Stunden präsent.
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