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Trend: Superyachten vor dem Aus?
Claudia Drettmann verlangt viel von ihren Kunden. Elf Mio. Euro, um genau zu sein. So viel nämlich kostet die neue Drettmann Explorer Yacht, ein 32 Meter langes Traumschiff mit Luxus-Kabinen, Lounge, Wellnessbereich und einem Beachclub im Heck. "Eine perfekte Mischung aus Funktionalität, maskulinem Charme und maritimer Stilsicherheit", heißt es im Prospekt. Mehr als diesen Hochglanz-Katalog kann das Familienunternehmen auf der weltgrößten Wassersportmesse "Boot" in Düsseldorf noch nicht zeigen. Interessenten müssen beim Stand-Besuch also ein hohes Maß an Vorstellungskraft mitbringen. Konkurrent Princess am Stand nebenan hält dagegen gleich sechs Yachten zum Anfassen und Besichtigen bereit. "Unser Prototyp wird gerade erst gebaut", sagt Drettmann entschuldigend.Doch das ist schon ein Erfolg. Denn ihre Firma musste komplett neu anfangen, nachdem sie im Nachklapp der Wirtschaftskrise in die Insolvenz geschlittert war. Wie eine Flutwelle ist der Konjunkturabschwung damals durch die Schiffsbranche geschwappt. Europaweit brachen die Umsätze der Yacht- und Bootsbauer um fast zwei Drittel ein.
Markterholung bei 65%
Mittlerweile erholt sich der Markt wieder - wenn auch auf eher niedrigem Niveau. Die Zahlen der Spitzenjahre 2006 und 2007 jedenfalls sind noch weit entfernt. "Die Trendwende ist aber geschafft", glaubt Jürgen Tracht, der Geschäftsführer vom Bundesverband Wassersportwirtschaft (BVWW) aus Köln. Nach Berechnungen seiner Organisation liegt die Produktion derzeit immerhin bei 65 Prozent des Vorkrisenniveaus.
Der Aufschwung ist allerdings ungleich verteilt: "Je kleiner das Boot, desto besser läuft das Geschäft", beschreibt Jürgen Tracht. Zwar gebe es mittlerweile auch wieder anziehende Bestellungen im Luxussegment. Die größten Zuwächse verzeichnen aber die Hersteller von kleinen Booten in der Größenordnung bis 15 Meter - wobei auch hier der Preis leicht den eines Autos übertreffen kann. "Das Geschäft ist schwierig. Da muss man ehrlich bleiben", sagt Claudia Drettmann, deren Yachten es in fünf verschiedenen Größen geben wird: 20, 27, 32, 37 und 45 Meter. Die Kaufkraft sei durch die Finanzkrise ganz einfach gesunken.
Boote werden weniger bewegt
Das zeigt auch der Blick nach Italien. Die Hafenbetreiber beklagen bereits, dass viele Kunden ihre Boote einmotten oder verkaufen, weil ihnen der Betrieb zu teuer geworden ist. "Es war noch nie so schlimm wie jetzt", sagt Roberto Perocchio, Präsident des Branchenverbands Assomarinas. Es laufen nicht nur immer seltener Schiffe in den Häfen ein. Auch die dort geparkten Schiffe werden deutlich seltener aktiv genutzt. "Die Gäste haben die Touren abgekürzt, sie haben immer weniger Zeit und natürlich auch immer weniger Geld. Alle sparen", sagt Perocchio. Der Umsatz der Hafenbetreiber sank in den vergangenen zwei Jahren um rund 20 Prozent. Der Umsatz der italienischen Boots-Tankstellen gar um 40 Prozent.
Italien ist mit großem Abstand Marktführer im Bau von sogenannten Superyachten, also Schiffen mit mehr als 24 Metern Länge. Lange Zeit strotzten die Hersteller nur so vor Selbstbewusstsein. Denn Yachten galten als Statussymbol, vor allem unter den vielen Neureichen. Zweistellige Zuwachsraten waren an der Tagesordnung. Seit einigen Jahren herrscht allerdings Krisenstimmung. Kleine Werften mussten schließen, andere drastisch beim Personal kürzen.
Probleme bei Superyachten
Dass einige der italienischen Bootsbauer in Schieflage gerieten, hängt auch mit hausgemachten Problemen zusammen. Beispiel: Ferretti. Das Unternehmen verzichtet lange darauf, die zahlreichen Marken des Hauses, darunter Riva und Pershing, besser zu vernetzen. Als der Markt schwächer wurde, geriet das Unternehmen 2009 an den Rand der Pleite, Gläubiger mussten 1,2 Mrd. Euro Schulden in Eigenkapital umwandeln, der Finanzinvestor Candover zog sich mit hohen Verlusten zurück. Zu Jahresbeginn dann übernahm der chinesische Industriebetrieb Shandon Heavy Industry Group 75 Prozent der Anteile für gerade mal 178 Mio. Euro. Ein Spottpreis. 2007 wurde Ferretti noch mit 1,5 Mrd. Euro bewertet. Besser überstanden die Krise Firmen wie Weltmarktführer Azimut-Benetti, die weit mehr auf Kostenkontrolle achten.
Die Lage ist allerdings nicht ganz hoffnungslos. Ein Blick in das Global Order Book der Fachzeitschrift "Showboats" zeigt, dass im Bereich der Superyachten vor allem Boote bis 30 Metern von der Krise betroffen sind. Die Superreichen, die sich mehr leisten können, kaufen weiter ein. Werften bestätigten das. "Der Markt hat sich zweigeteilt", bestätigt Lamberto Tacoli, Chief Sales & Marketing Officer von Ferretti. "Man schreibt sich nicht die Finger wund, aber eine Belebung ist im Superyachten-Bereich spürbar", sagt Torsten Sieckmann, Vorstandschef von Sunseeker Deutschland.
Neuer Markt: Asien und Südamerika
Die großen Hersteller suchen ihr Wachstum nun in anderen Märkten und investieren dort kräftig. Sunseeker etwa strebt nach China. "Das ist einer der Zukunftsmärkte", sagt Sieckmann. Dorthin hat Siekmann kürzlich eine 40-Meter-Yacht für gut 21,5 Mio. Euro verkauft. Das Unternehmen hat einen Showroom samt Steg in der Volksrepublik gebaut. Eine ähnliche Strategie verfolgen auch Italiener. "In den Schwellenländern gleichen wir das schwache Geschäft in Europa aus", sagt Giovanna Vitelli, die zum Führungsclan des Familienbetriebs Azimut-Benetti gehört. Ihr Unternehmen verringerte den Umsatzanteil Europas in nur vier Jahren von 60 auf 20 Prozent. Bei Ferretti wird inzwischen nur noch jedes zweite Boot in Europa verkauft - im Jahr 2008 waren es noch drei von vier gewesen. Ferretti sowie Azimut investierten zudem in brasilianische Werften. Die Schwellenländer haben erheblich dazu beigetragen, dass alle drei Hersteller zuletzt doch steigende Verkäufe melden konnten.
Es gibt also Hoffnung. Drettmann hegt sie zumindest. Zwei bis drei Exemplare der voluminösen "Explorer" will Claudia Drettmann in absehbarer Zeit pro Jahr verkaufen. "Lieber weniger, aber dafür besonders", ist ihr Credo. Es sei schließlich ein besonderes Gefühl, wenn ein gestandener Manager vor einem stehe und vor Freude weine, wenn er seine Yacht entgegennehme.
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