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Italien: 150 Jahre - ein Land feiert (zwiespältig) Geburtstag
Italien präsentiert sich an seinem 150. Geburtstag als gespaltenes Land. Tief ist der Graben, der den reichen Norden vom armen Süden trennt. Um das festzustellen, genügt es in Italien Eisenbahn zu fahren, sagt Filippo Callipo, Unternehmer aus Kalabrien ganz im Süden des Landes. Von Rom nach Reggio Calabria brauche man etwa sieben Stunden mit der Bahn. Von Rom nach Mailand dagegen nur drei Stunden und 20 Minuten, obwohl diese Bahnstrecke in den Norden nur unwesentlich kürzer ist. Callipo sagt: "Hier bei uns gibt es nicht diese positive Ausstrahlung und diese Vorzeigeprojekte, um die Lebensbedingungen in Kalabrien etwas zu verbessern. Im Norden sind sie schneller, glaubwürdiger, planmäßiger und so nutzen sie die Mittel, die wir nur auf dem Papier sehen."
Der Traum von "Padanien"
Während Italien den Süden am ausgestreckten Arm verhungern lässt, träumen Politiker der separatistischen Lega Nord von einem unabhängigen Land namens Padanien. Sie bekämpfen offen die Symbole des geeinten Italiens wie die Nationalhymne und die grün weiß rote Landesfahne.
Calippo sieht im Aufkommen der Lega einen "totalen Bruch". Ein Mitglied der Lega, das den Tag der nationalen Einheit nicht anerkennt, diesen nicht feiert und die Hymne nicht singt, gehöre seiner Meinung nach ins Exil geschickt. "Es ist unmöglich, dass Du als Italiener alle Dienste des Landes in Anspruch nimmst, aber dann sagst: 'Ich fühle mich als Padanier.'", klagt der Unternehmer.
"Es gab nie einen italienischen Patriotismus"
Italien ist ähnlich wie Deutschland eine "verspätete Nation". Es entstand vor 150 Jahren, als man sich im Norden der österreichischen und im Süden der bourbonischen Fremdherrschaft entledigte. Doch ein echtes Nationalgefühl ist daraus nie entstanden, sagt der Philosoph und ehemalige Bürgermeister von Venedig Massimo Cacciari: "Tatsächlich gab es nie einen italienischen Patriotismus. Dieser war eine Erfindung der politischen und kulturellen Eliten während des Risorgimento und dann ein faschistischer Mythos." Kein Wunder, dass aus dieser Geschichte heraus - ähnlich wie in Deutschland - der Nationalgedanke, der Patriotismus verdächtig geworden ist. "Die große Mehrheit der Italiener schert sich einen Dreck ums Vaterland", sagt Cacciari.
Italien sei die Gemeinschaft von Mini-Vaterländern, habe bereits Giacomo Leopardi gesagt, erläutert der Philosoph. Im Fokus stünde das Wohlergehen der jeweiligen Stadt. Schon die Region sei eine viel zu abstrakte Größe.
Siegeszug italienischer Kultur und Küche
Manchmal hilft der Blick von außen. Professor Lutz Klinkhammer forscht und unterrichtet am Deutschen Historischen Institut in Rom. Er ist überzeugt: "Italiener glauben alle, sie hätten ein ganz schwaches Nationalgefühl. Vom Ausland aus gesehen muss man das nicht unbedingt teilen. Der Siegeszug italienischer Kultur, italienischer Küche, italienischen Designs und italienischer Architektur wird im Ausland durchaus als gesamt-italienisch wahrgenommen."
Ganz zu schweigen von der gesamt-italienischen Begeisterung, wenn die eigene Fußball-Nationalmannschaft gewinnt. Der italienische Nationalstaat sei noch nicht am Ende, sagt Klinkhammer. In Italien drohten keinesfalls belgische oder spanische Verhältnisse. "Ich sehe strukturelle Probleme. Aber die mentalen Unterschiede zwischen Nord und Süd sind doch geringer als man das wahrnehmen möchte."
Mit freundlicher Genehmigung ARD-Nachtmagazin/Tagesschau
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