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Fischfang: Überfischung, Nachhaltigkeit & Lösungsansätze

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Fisch-Beifang-WWFUm die Fische in den Weltmeeren ist es schlecht bestellt, und eine Besserung ist nicht in Sicht. Dies beklagen Umwelt- und Naturschutzverbände einhellig. Auch die Fischzucht, sagen die Experten der Verbände, bringe den Ozeanen in ihrer derzeitigen Form keine Entlastung.
Laut der Welternährungsorganisation FAO sind 82 Prozent der kommerziell genutzten Fischbestände maximal ausgeschöpft, überfischt oder bereits kollabiert, das heißt am Rand ihrer biologisch notwendigen Bestandgröße. Der Anteil überfischter Populationen liegt bei 32 Prozent. Den meisten Meeresbiologen gilt die Überfischung heute als das schwerwiegendste Problem in den Ozeanen. Denn sie zieht das gesamte Ökosystem in Mitleidenschaft, so dass es anfälliger für andere Einflussfaktoren wird.

Die Anzeichen für Überfischung sind vielfältig
Einst zogen große Schwärme von Schwert- und Thunfischen durch die Meere. Diese Zeiten sind vorbei. Die Populationen dieser Räuber gingen um 90 Prozent zurück. „Viele Großfische sind im Meer nicht mehr zu finden, die Größe der gefangenen Fische nimmt stetig ab. In der Folge werden heute zu viele Fische vor der Geschlechtsreife gefangen – ein Teufelskreislauf“, klagt der Naturschutzbund Deutschland (NABU). Laut einer Studie des Umweltverbands WWF wird es in wenigen Jahren praktisch keinen Thunfisch mehr im Mittelmeer geben.
Ursache der Überfischung ist einerseits die steigende Weltbevölkerung, andererseits aber eine steigende Nachfrage pro Kopf. Wie die FAO in ihren „Weltfischereireport“ berichtet, verbrauchte die Menschheit im Jahr 2009 gut 145 Millionen Tonnen Fisch, knapp 118 Millionen Tonnen davon für den Verzehr. Der Rest diente anderen Zwecken wie der Produktion von Fischmehl. Aus Meeresfängen stammten 90 Millionen Tonnen Fisch und Meeresfrüchte. Den Rest des Bedarfs deckten Fischfarmen, die mit 55 Millionen Tonnen rund ein Drittel der Gesamtmenge lieferten. Bis 2009 stieg die Fangmenge pro Jahr um etwa zwei Millionen Tonnen an. Laut dem FAO-Report sind Fischprodukte global weiterhin das meistgehandelte Nahrungsmittel mit einem Wert von gut 75 Milliarden Euro.

Die kommerzielle Bedeutung der Meerestiere macht auch eine weitere Zahl deutlich: Rund acht Prozent der Weltbevölkerung (540 Millionen Menschen) verdienen mit der Fischerei ihren Lebensunterhalt. Die meisten davon sind Subsistenzfischer in Entwicklungsländern, die mit ihren Familien einen Großteil ihrer Fänge selbst verzehren. Ein Zusammenbruch der Bestände gliche einem Entzug der Lebensgrundlage dieser Menschen. Laut FAO konsumiert jeder Erdenbürger im globalen Mittel pro Jahr 17,2 Kilogramm Fisch. Rekordhalter sind die Portugiesen mit 55 Kilogramm pro Kopf und Jahr, während die Deutschen mit 16 Kilo leicht unter dem Durchschnitt liegen. Europa importiert inzwischen 60 Prozent der Fische. Nur deshalb gibt es immer noch ausreichend Frischware an den Fischtheken der Super- und Wochenmärkte. Zudem beeinträchtigt die Überfischung auch Meeresvögel und -säuger, denen die Nahrungsgrundlage entzogen wird. Delphine, Tümmler und Wale sind besonders verletzlich. Häufig ernähren sie sich von kommerziell interessanten Fischarten, oder sie leben in fischreichen Regionen und kommen so den Fischern in die Quere.

Beifang, Geisternetze und der Müll
Neben der Überfischung setzen noch andere Faktoren den Meerestieren zu, insbesondere der Beifang. In den Fischernetzen finden sich unabsichtlich gefangene Fische und andere Meeresorganismen. Meeresschildkröten, Seesterne, Schwämme und Rochen werden aussortiert und über Bord geworfen, ebenso Fische, die das falsche Geschlecht, die falsche Größe oder Qualität haben. Einer alarmierenden Studie des WWF zufolge gehen jedes Jahr mindestens 38 Millionen Tonnen Fisch wieder über Bord, das entspricht etwa 40 Prozent der Fangmenge.
Gefahr droht auch durch von Fischkuttern verlorene Geisternetze, die – für Meerestiere meist nicht wahrnehmbar – durch das Wasser driften. Zu Tausenden sterben darin jedes Jahr Delphine, Wale, Seeschildkröten und Seelöwen. Treibnetze oder Langleinen wickeln sich um Flossen und andere Gliedmaßen der Meeresbewohner, die dadurch oft abgetrennt werden. Sie ertrinken oder erliegen den dadurch erlittenen Verletzungen.
Mörderisch für Meerestiere ist überdies der Müll, der sich in riesigen Mengen in die Meere ergießt. Nach Schätzungen des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) sind es jedes Jahr mehr als 6,4 Millionen Tonnen. Vor allem Plastikmüll hat direkte Auswirkungen auf mehr als 260 Arten. „Verschmutzung, Überfischung und Klimawandel – die Weltmeere sind zahlreichen Gefahren ausgesetzt. Dagegen muss die Politik endlich einen gesetzlichen Rahmen zum Schutz der Meeresökosysteme festlegen“, fordert Nabu-Präsident Olaf Tschimpke. „So mussten in den letzten 28 Jahren bereits mehr als 300 Meeresgebiete für tot erklärt werden, die Hälfte aller Korallenriffe ist bereits verloren oder im Verfall. Wir wissen, dass die Ressourcen der Meere nicht unerschöpflich sind. Dennoch wird Industrie und Wirtschaft oft der Vorrang vor dem Meeresschutz gegeben.“ Dabei brauche die Menschheit die Meere dringend: Die Ozeane bedecken mehr als 70 Prozent der Erdoberfläche, sie beinhalten über 96 Prozent unseres Wassers und produzieren mehr als 70 Prozent des Sauerstoffs.

EU importiert am Meisten
Angesichts der anhaltenden Krise der Weltmeere fordern die Naturschützer einen Wandel in der globalen Fischereipolitik und eine drastische Verringerung der Fangquoten. „Der Raubbau in den Ozeanen setzt sich ungebremst fort – und gleichzeitig verlieren wir das Reservepotenzial“, warnte WWF-Fachfrau Schacht. In der politischen Verantwortung stünden dabei besonders die Europäische Union als weltgrößter Fischimporteur und China als größte Fischereination mit einer Fangmenge von fast 15 Millionen Tonnen. Insbesondere die EU weise einen überdurchschnittlich hohen Anteil überfischter Bestände in den eigenen Gewässern auf. Laut der internationalen Meeresschutzorganisation Oceana sind 88 Prozent der Bestände betroffen, vor allem Makrele, Europäischer Aal, Hering, Rotbarsch und Roter Thunfisch. Zugleich gehen in Europas Gewässern alljährlich 1,3 Millionen Tonnen Fisch als Beifang über Bord, was 13 Prozent der Fangmenge entspricht. „Der neue Kurs muss heißen: Vom Raubbau zum Wiederaufbau der Bestände“, so Schacht.

Nicht nur die Verbraucher seien dabei gefragt, sondern auch die Politik, sekundiert die Biologin Altherr: „Fangquoten müssen der Ökologie und nicht länger dem schnellen Profit angepasst werden“. Ein ordentliches Management überfischter Arten könne wieder zu einer nachhaltigen Nutzung der Fischerträge führen. Dazu seien fischereifreie Zonen zu schaffen, in denen sich die Arten zurückziehen können.
Neuerdings zeichnet sich die Chance ab, dass die Naturschützer erhört werden. Die Hoffnung weckte die EU-Fischereikommissarin Maria Damanaki. Die 58-jährige Griechin kam erst im Februar 2010 ins Amt, doch bereits bis Anfang 2013 will sie die gemeinsame Fischereipolitik der EU-Staaten grundlegend reformieren. Schon mehrfach hatte sie gefordert, die Fangmengen auf der Grundlage wissenschaftlicher Empfehlungen bindend festzulegen. Genau das soll nun ein Kernelement der Reform werden, ein weiteres ist die Einführung von Langzeit-Managementplänen für möglichst alle Fischbestände.

Wirtschaftsfaktor Fisch
Der Kommissarin dürfte damit ein harter Kampf mit der Lobby der Fisch verarbeitenden Industrie bevorstehen. Diese hat EU-weit einen Produktionswert von rund 23 Milliarden Euro, die Branche beschäftig in 4000 Betrieben 126 000 Menschen. Jede Veränderung der Fangquoten beeinflusst ihre Einnahmen, die Umsätze der Fangflotten mit ihren 85 000 Schiffen und sogar das Kaufverhalten der Gastronomie. Weil die Fischereibiologie in der Vergangenheit kaum eine Rolle spielte, waren die Meerestiere stets eine beliebte politische Verhandlungsmasse. Die Fischereiminister der 27 EU-Staaten trafen sich einmal im Jahr und schacherten um die Quoten. Dabei wurde die Zuteilung von Fangmengen gern gegen ein Entgegenkommen bei anderen Projekten getauscht. Zudem wollte sich kein Minister gegen die Interessen seiner nationalen Fischereiindustrie positionieren.

Damit soll nun Schluss sein: Quoten runter, Kontrolldruck hoch und die Fangflotten verkleinern ist die neue Losung. Und: Beifang darf nicht mehr einfach ins Meer zurück geworfen werden, sondern wird angelandet. Das Umdenken wird bereits an der Festlegung der Quoten für 2011 sichtbar. „Die neuen Entscheidungen der Fischereiminister der EU weichen von den Empfehlungen der Wissenschaftler erheblich weniger ab als früher“, freut sich die WWF-Fischereireferentin Schacht. „Die Politik hat keine andere Wahl, als der Wissenschaft zu folgen. Wenn der Fisch erst einmal weg ist, nützen taktische politische Spielereien nichts mehr“. In der Vergangenheit seien die Empfehlungen im Durchschnitt um jeweils 40 Prozent überschritten worden.
Der neue Kurs zeichnet sich bei der umstrittenen Quote für Kabeljau bereits ab: Weil sich die überfischten Bestände bislang nicht erholten, liegen die erlaubten Fangmengen um zwanzig Prozent unter denen von 2010. Statt 27 484 Tonnen dürfen nur noch 22 279 Tonnen aus dem Wasser geholt werden; der deutsche Anteil sank von 3612 auf 2889 Tonnen. Bei Seelachs wurde die Fangmenge um 13 Prozent verringert, und auch bei mehr als 70 anderen Beständen gab es Kürzungen. Dagegen stiegen die Quoten von Nordsee-Hering und Scholle um 22 bzw. 15 Prozent. Bis 2014 sollen weitere Anpassungen der Fangmengen an das Ziel des höchstmöglichen Dauerertrags erfolgen.


Mit freundlicher Genehmigung www.focus.de

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